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Die Seele Europas – 2005-2018

Neun Tagungen von 2005 bis 2018 von Amsterdam bis Tbilissi in Georgien

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2005 entstand in Amsterdam die Initiative, zum Wesen, zur Seele, zu den Aufgaben und zu den Problemen von Europa eine Tagung durchzuführen. Erste Fragen betrafen das Verhältnis zwischen Bürgern und Politik. Das Spektrum der Fragen weitete sich aber rasch aus, zunächst aus der Sicht des Ortes, an dem man sich traf: Welche Färbung kann die niederländische Volksseele „der Seele Europas“ geben? Dann aber auch: was erwartet die Seele Europas von Mitteleuropa und von der Anthroposophie?

Von der folgenden Konferenz 2007 in Budapest an stand aber die Frage im Vordergrund: wie sind die ostmitteleuropäischen Länder mit der einschneidenden Wende 1989-1991 zurecht gekommen? Haben sich die grossen Hoffnungen, die mit dieser Wende aufleuchteten, erfüllt? Welche besonderen Probleme sind dadurch geblieben, dass in vielen Ländern die alten Seilschaften aus der sowjetischen Zeit bei grassierender Korruption weiter die Strippen in der Hand hielten und gleichzeitig ein hemmungsloser Wirtschaftsliberalismus zu Verwerfungen geführt hat, der krasse Unterschiede zwischen reich und arm entstehen liess? Die Entwicklung in den ostmitteleuropäischen Ländern ist sehr verschieden verlaufen. Einzelne Länder haben den Sprung in eine klar geführte Bürgergesellschaft mit stabiler Wirtschaft und geordneter Integration in die Europäische Union gefunden, andere dümpeln immer noch wirtschaftlich vor sich hin, weil Voraussetzungen für eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung nicht durchgesetzt werden.

So kam es, dass die nächsten sechs Konferenzen von Prag (2008), über Danzig (2010), Varna an der bulgarischen Schwarzmeerküste (2014), Simeria im rumänischen Siebenbürgen (2015), Lahti in Finnland (2016) bis nach Kiev in die Ukraine (2017) wanderten. Jedes Mal entstand aus der Zusammenarbeit der Sektion für Sozialwissenschaften am Goetheanum und den Anthroposophischen Gesellschaften vor Ort ein spezifisches Programm, das den Bogen von den Besonderheiten des Landes zu den allgemein-menschlichen Fragen eines gemeinsamen Europas spannte.

In Budapest, dem Ort, wo 1956 erste Versuche, sich von der Vorherrschaft Moskaus zu befreien, scheiterten, ging es zunächst darum, Menschen aus West-, Mittel- und Osteuropa zusammenzuführen. An der ersten Tagung in Amsterdam hatte sich nämlich deutlich gezeigt, dass zu einem wirklichen Verständnis ein Bewusstsein und klareres Verständnis der Unterschiede von Westen, Mitte und Osten Europas nötig ist. Ganz wichtig erschien und erscheint noch heute die Überwindung des Eisernen Vorhangs, da er nicht nur eine geographische Grenze bildete, sondern auch einen tiefen Graben im gegenseitigen Verstehen von Ost- und Westeuropa erzeugte. Mitteleuropa hat dabei eine besondere Aufgabe.

In Prag, 40 Jahre nach dem Prager Frühling, lag der Fokus auf Gesellschaftsformen, in denen Menschlichkeit Platz findet. Dieses Thema führte weiter zur Dreigliederung des sozialen Organismus, die in Danzig, dem Ort der Solidarnosc-Bewegung von 1980, im Mittelpunkt stand. Und so ging es jedes Mal mit neuen Fragen weiter: In Varna am Schwarzmeer spürten unsere bulgarischen Freunde den frühen Mysterienströmungen der Thraker, der Griechen und dann der Bogumilen nach, die manche Impulse zur Bildung Europas vorbereiteten.

2014-2015 folgte aber für Europa ein Einschnitt, der das Vertrauen in eine kontinuierliche Entwicklung erheblich erschütterte. Die Krim wurde unerwartet der Ukraine entrissen und Russland einverleibt, in der Ostukraine begann ein Krieg, der noch heute nicht zur Ruhe gekommen ist, ungezählte Menschen aus dem Orient und Afrika strömten nach Europa hinein. So arbeiteten wir an der Tagung in Simeria im rumänischen Siebenbürgen an der Aufgabe, friedensfördernde Kräfte zu stärken. Das kann letztlich nur davon ausgehen, dass Menschen für Menschen anderer Herkunft, anderer Religion, anderer Kultur Verständnis entwickeln. Auch an der Tagung in Lahti in Finnland ging es 2016 um dieses gegenseitige Verständnis von Mensch zu Mensch, das ein erhöhtes Bewusstsein vom Mensch-Sein voraussetzt.

2017 rückte die Tagung in Kiev noch weiter nach Osten vor. Auf dem Gelände des uralten Höhlenklosters, das in die Anfänge der christlichen Zeit der Rus zurückgeht, fand sich in besonderer Weise Ost-, Mittel- und Westeuropa zusammen und knüpfte erneut an die allererste Fragen von Amsterdam an: was kann der spezifische Beitrag von Angehörigen eines Volks, diesmal des ukrainischen Volkes, an die Entwicklung Europas sein. Weit davon entfernt, auf diese Fragen schlüssige Antworten zu finden, entspannten sich lebhafte Gespräche über vielfältigste Unterschiede zwischen Osten, Mitte und Westen, die mithelfen, den „anderen“ zu verstehen.

 

Kurzer Bericht über Tbilissi 2018

2018 ging die Tagung auf ihrer Wanderung weiter nach Tbilissi in Georgien. Wiederum ging es um den spezifischen Beitrag der Kultur eines Volkes an die Entwicklung Europas und um die Frage, was eigentlich mit Europa gemeint und gewollt wird. Ist Europa ein geographischer Begriff oder ein kulturell-geistiges Ideal? Gerade Georgien zählt ja traditionell nicht mehr zu Europa, obwohl es bereits in vorhistorischen Zeiten wichtige Beiträge zur Entwicklung europäischer Kultur geleistet hat und früher als alle europäischen Länder von einer tiefen Christlichkeit durchdrungen war.

Eine Gruppe von Freunden aus Tbilissi unter der Leitung von Nodar Belkania hatte die Tagung hervorragend vorbereitet. Die Organisation, die Verpflegung, die Betreuung der Gäste klappte in allen Teilen.

Nur mit kurzen Strichen sollen die Inhalte der Beiträge dieser letzten Tagung skizziert werden. Im Gegensatz zu den vorhergehenden Tagung war der Ost-West-Gegensatz kein Thema mehr. Nodar Belkania gelang es im einleitenden Vortrag, einen Überblick über die Geistesgeschichte Georgiens so zu geben, dass man spüren konnte: die Höhepunkte georgischer Kultur waren nicht auf das Nationale gerichtet. Offenheit für Einflüsse von überall her verschmolzen zu einem spezifischen georgischen Kulturraum, der in Verbindung stand mit den Weltregionen Europas und Vorderasiens. Auch die besondere Verbindung, die sich im 19. Jahrhundert zu Russland ergab, bedeutete für beide Länder sehr viel. Otar Kvrivishvili, Architekt, stellte in seinem Beitrag mittelalterliche Höhepunkte der kirchlichen Baukunst dar, die aus tiefem christlichem Erleben hervorging – Georgien wurde bereits anfangs des vierten Jahrhunderts christlich. Die Exkursionen vor und nach der Tagung führten zu wunderbaren Beispielen dieser Kirchenbaukunst. Gia Bughadze, Maler und Kunstwissenschafter, stellte in seinem Beitrag überraschende Bezüge zwischen dem griechisch-spanischen Maler El Greco und dem georgischen Maler Pirosmani her, die mit spirituellen Strömungen in Georgien zusammenhängen. Nargizi Tizlarishvili, Priesterin der Christengemeinschaft in Tbilissi , erzählte in herrlich frischer Stimmung, wie sehr sie Georgien immer geliebt hat, wie sie es ein wunderbares Land fand, und wie sie in tiefe seelische Probleme kam, als ihr Schicksal sie ins Ausland nach Deutschland führte. Die Erweiterung der Weltsicht, die Loslösung vom Verhaftetsein im eigenen Volk führt aber zu einem neuen Welterleben, das weit mehr allgemein-menschlich ist. Wenn man dann zurück ins eigene Volk kommt, kann neu erlebt werden, was man seinem Volk verdankt und welche Aufgaben sich für den einzelnen Menschen aus dem ergeben, was einem die Volksseele mitgegeben hat. Rati Amaglobeli, in Georgien weitherum bekannter jüngerer Dichter, zeigte anhand einer Erzählung des georgischen Dichters Vazha Pshavela den Weg eines Mannes aus einer kaukasischen Volksgruppe von seiner Verwurzelung in den Stammestraditionen ins Ausgestossensein, weil ihm sein Gewissen aus inneren Impulsen heraus eine bestimmte Tradition weiterzuführen nicht zulässt. Es ist der Weg aus dem Gruppenwesen heraus in die Individualisierung, der nur gelingt, wenn sich der Mensch mit dem christlichen Impuls verbindet. Soweit die Beiträge von georgischer Seite.

Gerald Häfner setzte die vorgebrachten Darstellungen in Verbindung mit allgemeinen Fragen der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung in Europa. Friedrich Glasl legte den Akzent auf Entwicklungsfragen sowohl des einzelnen Menschen als auch der mesosozialen und makrosozialen Zusammenhänge in Organisationen und Staaten. Paul Mackay rückte den Zusammenhang und das Zusammenwirken des Menschen mit der Hierarchie der Engel, mit dem Volksgeist und dem jetzt wirkenden Zeitgeist Michael in den Mittelpunkt seiner Betrachtung.

Zwei besondere Ereignisse der Tagung seien noch hervorgehoben. Am zweiten Abend führte eine Gruppe junger Schauspieler unter der Regie von Valerian Gorgoshidze in georgischer Sprache Goethes Faust auf. Die kraftvolle georgische Sprache, die einfallsreiche Regie und die Hingabe der Schauspieler in ihre Rollen machten einen tiefen Eindruck. Ebenso erging es den Zuhörern am dritten Abend, als eine Gruppe von sechs jungen Sängern Volkslieder aus verschiedenen Regionen Georgiens vortrug.

Vor und nach der Tagung waren drei Exkursionen angeboten: Rundgang durch die Altstadt von Tbilissi, als zweites Besuch von Saguramo, dem Landsitz des berühmten Ilja Tschavtschavadse, Djvari und Mzcheta, als drittes ein ganzer Tag Exkursion zu zwei bedeutende Kirchen – Samthavisi und Atenis Sioni – sowie zur uralten verfallenden Höhlenstadt Uplisziche.

Dankbar und mit vielen neuen Impulsen kehrten die Teilnehmer in ihre Länder zurück. Die nächste Tagung wird vom 23.-25. August 2019 in Brüssel stattfinden.

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Für viele Menschen hörte Europa lange Zeit beim Eisernen Vorhang auf. Was dahinter war, kannte man nicht, klammerte man aus dem Bewusstsein aus und verfolgte politisch die Gründung der Europäischen Union zunächst als Wirtschaftsunion, aber von Anfang an schon mit einer grösseren Idee von Europa. Mit dem Fall der Berliner Mauer und den Umwälzungen in Ostmitteleuropa rückte die Grenze Europas in den Bewusstseinen etwas weiter nach Osten und umfasste auch die ostmitteleuropäischen Länder von Estland bis Bulgarien. Das führte in der Folge auch zur Erweiterung der EU. Aber Europa als geistig-seelische Ganzheit umfasst auch die Ukraine und Russland bis zum Ural. Dass auch in diesen Ländern grundlegend europäische Elemente prägend sind, wird vielfach ausgeklammert. Wie ein Gespenst steht dabei die weltpolitische Anschauungsweise des Gegensatzes zwischen USA und Russland im Wege. Auch wenn man theoretisch sich vorstellt, dass die Grenze Europas beim Ural liegt, kann so nicht begriffen werden, warum die Schwierigkeit besteht, diese Länder als vollgültige Teile Europas zu erleben.

Rudolf Steiner hat dazu am 15. Juli 1923 einen erhellenden Vortrag gehalten, den Marie Steiner unter dem Titel „Imagination Europas“ herausgegeben hat. Der Vortrag ist heute in GA 225 enthalten. Rudolf Steiner schildert hier, wie während langer Zeit so etwas wie eine Tapetenwand vom Ural über die Wolga, den Kaukasus und das Schwarze Meer bis zum Mittelmeer bestand, der zurückgebliebene ahrimanisierte Geister aus dem Raum östlich davon abgehalten haben, nach Europa hineinzuwirken. Dadurch konnte sich bis ins Mittelalter hinein Europa ungestört von diesen Kräften ganz besonders im Bereich der Denkkräfte entwickeln. Später aber ist diese Tapetenwand eingerissen und satyrn- und faunartige Wesen begannen ihr Unwesen gegen Westen hin zu treiben. Sie verbanden sich mit von Westen kommenden luziferisierten Kräften, die ins Abstrakte abgeglittene materlialistische Ideen und Ideale nach Osten trugen. Daraus entstanden wie in einer brünstigen Verbindung von kopflosen, aber willenskräften Wesen aus dem Osten mit westlichen Kopfwesen Kräfte, die in Osteuropa zu den Experimenten des Bolschewismus geführt haben. Nun scheint ja der Bolschewismus 1989 nach 72 Jahren, nach der Zeit eines menschlichen Lebensalters, seine ideelle Kraft gänzlich verloren zu haben. Wie aber solche düstere Wesen in Osteuropa die sozialen Verhältnisse gestalten, ist weitergegangen. Der Wirtschaftsliberalismus könnte ja, bei echter Ehrfurcht und Würdigung des einzelmen Menschen, zu einer brüderlichen Wirtschaftsordnung führen. Was aber nach 1989 in ganz Osteuropa einriss, war ein Wirtschaftsliberalismus, in dem sich die theoretische Wirtschaftsfreiheit, also eine luziferische Idee, mit rücksichtslosem Egoismus zum Regime von Oligarchen und korrupten Regierungskliquen, somit zu ahrimanischen Machtgebilden, entwickelt hat. Ebenso verbinden sich nationale Ideen mit „Bauch“-Kräften aus dem Untergrund der Mottenkiste der Geschichte zu Nationalismus, Chauvinismus und Fremdenhass – Phänomene, die besonders in den letzten Jahren in vielen Länder Osteuropas ihr Unwesen treiben. Und was ist das Einspannen der Orthodoxen Kirche mit ihrer Gläubigkeit in die Machtstrukturen einiger Länder anderes als ein unsauberes Zusammenwirken von hohen, aber korrumpierten Idealen mit unbewusst-untergründigen Bindungen an rückwärts gewandte Kräfte.

Europa ist auf dem Weg, sich im Konzert des Weltganzen mit seinen Aufgaben neu zu finden – oder sich zu verlieren. Die Tagungen „Die Seele Europas“ möchten zu diesem Weg einen Beitrag leisten.

Hans Hasler
Abdruck aus der Vierteljahresschrift STIL – Goetheanismus in Kunst und Wissenschaft, Heft 1/2018 – überarbeitet und erweitert.